Willkommen bei den „Schotten“!

Dem Lebensort von Mönchen, die einen Ruf Gottes gehört haben, sich von ihm angesprochen wissen und bereit sind, Christus nachzufolgen. Ihre Ordensregel legt ihnen die Frage vor: „Wer ist der Mensch, der Lust hat am Leben, der Tage sich wünscht, um Gutes zu sehen?“ Ihre Antwort: „Ja, Herr, ich bin es, hier bin ich.“

Der Flötenautomat des Abtes Andreas

In einem Kabinett des Museums steht ein Biedermeierschrank, der hinter einem konventionellen Äußeren ein liebenswertes Inneres verbirgt: ein automatisches Flötenwerk. Das Instrument ist durch eine Signatur am Blasbalg datierbar: „Jos. Hain in Wien 1820“. Hain war ein Zulieferer für den Balg. Das Flötenwerk und der Antrieb wurden von anderen, in unserem Fall unbekannten Firmen hergestellt.

Der Musikhistoriker Helmut Kowar konnte das Möbel mit großer Wahrscheinlichkeit in einem alten Inventar identifizieren. Es dürfte sich um jenen „Spielkasten von Mahagoni“ handeln, der 1832 im Speisezimmer der Prälatur inventarisiert wurde. Das Inventar hält auch fest, dass auf dem Schrank eine Stockuhr stand, die mit dem Spielwerk verbunden war. Die Uhr ist leider nicht mehr nachweisbar. Ihr ursprüngliches Vorhandensein ist aus kleinen Löchern in der Deckplatte des Schranks zu erschließen, durch die Schnurzüge geführt waren, mit denen zu bestimmten Stunden das Flötenwerk ausgelöst wurde. Ein Umlenkrad dieses Schnürzugs ist an der Rückwand des Schranks erhalten.

Das Speisezimmer der Prälatur wurde im 20. Jahrhundert durch Zwischenwände unterteilt. Durch die Unterteilung entstand das Kabinett, in dem heute der Flötenschrank steht, das Foyer des Gobelinsaals und die dazugehörende Garderobe.

Im späteren 19. oder frühen 20. Jahrhundert wanderte der Musikautomat einen Raum weiter ins Billardzimmer (den heutigen Gobelinsaal). Dort wurde er nach dem Tod von Abt Leopold Rost (gestorben 1913) inventarisiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein schwieriges Kapitel in der Geschichte des Instruments. 1948 kam es als Leihgabe in die Sammlung alter Musikinstrumente. Der Schrank wurde zusammen mit 28 Walzen an das Museum geliefert. Als das Leihverhältnis 1994 gelöst wurde, wurde das Werk mit nur einer Walze zurückgestellt. Das Wissen um den ursprünglichen Bestand war in der Neuen Burg und auf der Freyung verlorengegangen. Im Kloster hielt sich nur ein Gerücht, wonach das Instrument ursprünglich eine größere Zahl von Walzen hatte.

2017 konnten die fehlenden 27 Walzen mit Hilfe von Alfons Huber (MJ 73; 1983-2019 Restaurator in der Sammlung alter Musikinstrumente) in einem Depot des Kunsthistorischen Museums wiedergefunden werden. Die Zuordnung zu unserem Instrument war durch materielle Indizien zweifelsfrei möglich. Glücklicherweise waren die Walzen in der Neuen Burg nie inventarisiert worden, sodass die Rückgabe an das Stift relativ einfach war. Das Kloster ist Alfons Huber zu großem Dank verpflichtet!

28 Walzen sind eine stattliche Zahl. Nur wenige Instrumente haben größere Ausstattungen. Ein im Zweiten Weltkrieg zerstörtes Instrument im Museum für Angewandte Kunst hatte vierzig Walzen. Ein Automat im Münchner Stadtmuseum verfügt über 52 Walzen. Den Vogel schoss der König von Neapel ab, der sich für Caserta von einem Wiener Instrumentenmacher zwei Flötenwerke mit insgesamt 127 Walzen bauen ließ.

In der Regel hatten die Instrumente sechs Walzen als Grundausstattung. So dürfte es auch beim Automaten der Schotten gewesen sein. Von den 28 Walzen sind sechs einheitlich beschriftet und mit „I“ bis „VI“ nummeriert. Helmut Kowar vermutet, dass diese sechs Walzen die Erstausstattung bildeten. Danach hat man die Sammlung – wie Kowar weiter festgestellt hat – über mindestens drei Jahrzehnte sukzessive erweitert, denn die jüngsten Musikstücke datieren aus den späten 1840-er Jahren.

Der erste Adressat des Instruments war der Bewohner der Prälatur – der Abt. Das war zunächst Abt Andreas Wenzel, ab 1832 Abt Sigismund Schultes. Musikautomaten hatten aber auch einen eminent sozialen Charakter. Man führte sie den Gästen vor, hörte die Musik also gemeinsam. Der Ort dieser spezifischen Musikkultur war der Salon (in unserem Fall das Speisezimmer). Die Flötenautomaten des Biedermeier waren Erzeugnisse der Luxusindustrie, die nicht verwechselt werden dürfen mit den Drehorgeln der Werkelmänner. Diese waren wohlfeil, jene teuer. Diese dienten dem Broterwerb, jene der Plaisir.

Das Repertoire der Walzen entspricht der Musikauswahl vergleichbarer Instrumente. Die Äbte unterschieden sich nicht vom gehobenen Bürgertum und vom Adel: Sie hörten Opern, Opern, Opern. Meist italienische Opern (Rossini, Bellini), aber auch deutsche und französische. Ob sich die Äbte alles selbst ausgesucht haben? Oder bekamen sie auch Walzen geschenkt? Man kann sich das lebhaft vorstellen: „Was schenk‘ ma heuer dem Abt zum Namenstag?“ – „Na, schenk ma ihm wieder eine Oper, die hat er so gern.“

Die Wiener Instrumenten- und Automatenbauer entwickelten ab etwa 1790 einen spezifischen Typus von Flötenwerken, der in ganz Europa Beachtung fand. Die Firmen exportierten bis nach Konstantinopel. Der Höhepunkt der Entwicklung war um 1820 erreicht – also in der Zeit, in der das Instrument des Schottenstifts entstand. Die Wiener Flötenwerke wurden noch bis zur Jahrhundertmitte gebaut, dann war ihre Zeit zu Ende.

Die Charakteristika der Wiener Flötenwerke wurden durch Helmut Kowar herausgearbeitet (s. Literatur). Die Pfeifen sind aus Holz. Sie sind so spezifisch, dass man von Wiener Pfeifen spricht. Auch die Trommeln der Walzen sind aus Holz (nicht wie andernorts aus Metall). Die Walzen sind spiralig bestiftet, sodass ein Stück in mehreren Umdrehungen abgespielt wird. Bei unserem Instrument sind es sechs Umdrehungen.

Ein spielendes Flötenwerk ist ein Faszinosum. Die Automaten sind akustische Zeitkapseln, authentische Interpreten aus längst vergangener Zeit. Das macht sie musikhistorisch interessant. Gleichzeitig kommt von daher ihr etwas geisterhafter Eindruck. Diese zur Romantik passende Wahrnehmung wird dadurch verstärkt, dass die Werke scheinbar von selbst spielen und in ihren Schränken nicht sichtbar sind.

Das Flötenwerk der Schotten hat 43 Flöten und ein Register (es gibt auch Instrumente mit deren zwei). Der Tonumfang reicht von C bis g2. Das Instrument ist großteils gut erhalten. Alle Flöten sind original, ebenso der Blasbalg, die Montage etc. Am meisten gelitten hat der Antrieb, der einige grobe Reparaturen über sich ergehen lassen musste.

Wahrscheinlich hat unser Automat schon einige Jahrzehnte keinen Ton mehr von sich gegeben, ehe im Herbst 2017 seine Wiederherstellung in Angriff genommen wurde. Die Arbeiten zogen sich bis Frühjahr 2020 hin, weil immer wieder Schwierigkeiten zu überwinden waren. Arno Kalivoda und Michael Ramsauer arbeiteten hart, um die zahlreichen Pfuschereien am Antrieb zu beheben. Marianne Siegl restaurierte das Orgelwerk.

Sie finden unten zwei Hörproben der stiftschottischen Jukebox. Beide stammen aus Opern Gioachino Rossinis, und zwar aus Tancredi und Othello. Erstere wurde 1813 in Venedig, zweitere 1816 in Neapel uraufgeführt. Die Wiener Erstaufführungen erfolgten 1817 und 1819. Ein Jahr später wurde der neue Flötenautomat zusammen mit Walzen dieser Opern in die Prälatur des Schottenstifts geliefert. Wenn der Abt von den Schotten seinen Gästen Musik vorspielte, sollte es eben das Neueste sein!

P. Augustinus Zeman

Hören Sie hier einen Beitrag von radio klassik Stephansdom zum Flötenautomat des Abtes Andreas:

 

Auf YouTube gibt es ein Video der Othello-Walze: https://www.youtube.com/watch?v=zQF0GowWuHg

Führungen: jeden Samstag, 14:30 Uhr (außer an Feiertagen); Treffpunkt im Klosterladen

Literatur: Helmut Kowar, „Sie spielt besser als das Orchester im Kärntnertor“. Die Wiener Flötenuhr, Wien 2001 (noch ohne Kenntnis des Instruments bei den Schotten).

Fotos: P. Christoph Merth, Schottenstift

 

 

 

 

 

 

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