Willkommen bei den „Schotten“!

Dem Lebensort von Mönchen, die einen Ruf Gottes gehört haben, sich von ihm angesprochen wissen und bereit sind, Christus nachzufolgen. Ihre Ordensregel legt ihnen die Frage vor: „Wer ist der Mensch, der Lust hat am Leben, der Tage sich wünscht, um Gutes zu sehen?“ Ihre Antwort: „Ja, Herr, ich bin es, hier bin ich.“

Das Porträt des Abtes Heinrich Ferenczy in der Äbtegalerie des Schottenstifts

Äbtegalerien verdichten die Geschichte der Klöster. Im Schottenstift umfasst der gemalte Katalog 76 Bilder. Die Abfolge von so vielen, dicht gehängten Porträts ist schon an sich ein Beweis von Kontinuität. Ein wichtiger Aspekt von Äbtegalerien ist auch der der Chronik. Ihm wird durch lateinische Inschriften am unteren Bildrand Rechnung getragen. Die Porträts der Äbte aus älterer Zeit sind natürlich allesamt fiktiv. Interessanterweise sind sie relativ erzählend. Bestimmte Körperhaltungen suggerieren Bewegung, und so manches Attribut hat anekdotischen Charakter. Die authentischen Porträts der späteren Äbte verzichten auf derlei Belebung. In ihnen überwiegt eine dokumentierende Repräsentation.

Was den Ort der Äbtegalerien betrifft, gibt es in den Klöstern eine erstaunliche Bandbreite. In St. Lambrecht (Steiermark) ist die Äbtegalerie im Festsaal untergebracht, also an einem halböffentlichen Ort. In anderen Klöstern sind die Galerien im internen Bereich eingerichtet. In Heiligkreuztal (Württemberg) gibt es eine frühneuzeitliche Äbtissinnengalerie im Kreuzgang. Auch im Schottenstift befindet sich der Äbtekatalog an einem strikt monastischen Ort, nämlich im Kapitelsaal. Die Botschaft der Galerie richtet sich an die Mönche, die im Kapitelsaal den Abt durch Wahl bestimmen. Sie geben dem Abt hier ihren Rat oder stimmen in genau definierten Fällen über Eingaben ab.

Der Grundbestand der stiftschottischen Prälatengalerie datiert wohl aus der Zeit des Abtes Karl Fetzer (1705-1750) oder aus der Zeit von dessen Nachfolger Robert Stadler (1750-1765). Bis zum Porträt des Abtes Karl ist die Sammlung in der Figurenauffassung, im Malstil und in der Farbigkeit einheitlich. Ab dem Porträt von Robert Stadler ist hingegen jedes Porträt eigenständig. Entweder die Galerie geht noch auf Karl Fetzer zurück, oder Robert Stadler hat sie bis zum Porträt seines Vorgängers en bloc in Auftrag gegeben.

Als das Kloster ab 1828 neu gebaut wurde, wurden die Bilder in den neuen Kapitelsaal übertragen. Ob sie sich auch im alten Kloster im Kapitelsaal befunden haben, lässt sich nach derzeitigem Wissensstand nicht sagen.

Die Ordnung der Bilder ist chronologisch, und zwar in Zeilen von links nach rechts, beginnend mit der oberen Zeile und endend mit der unteren. Die Anbringung im Raum wurde allerdings im Lauf der Zeit verändert. Zuletzt hingen die Bilder so, dass ein neues Porträt nicht mehr innerhalb des Systems aufgehängt hätte werden können. Als nach dem Ableben von Abt Heinrich sein Porträt anzubringen war, nahmen wir das zum Anlass, die Hängung zu sanieren. Dabei orientierten wir uns an zwei Fotos von etwa 1913, die die historische Hängung zumindest dieser Zeit dokumentieren.

Die Bilder füllen die Wandflächen oberhalb einer hölzernen Wandverkleidung vollständig aus. Sie scheinen wie für diese Wände geschaffen. In Wahrheit ist es wahrscheinlich umgekehrt, denn die meisten Bilder sind ja älter als der Raum. Anscheinend wurde der Raum also für die Äbtegalerie konzipiert. Dies war möglich, weil die West- und die Nordwand Binnenwände sind und weil man bei ihnen auf keine Baufluchten Rücksicht nehmen musste. Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass die dichte Hängung aus der barocken Äbtegalerie übernommen wurde, denn die Idee der Bilderwand wäre für den Barock typisch.

Ich habe schon angedeutet, dass bei den Schotten das Porträt eines Abtes erst nach seinem Tod aufgehängt wird. Als Abt Heinrich im April 2018 starb, hatten wir von ihm kein Porträt, das in den Maßen, aber auch stilistisch und medial in die Äbtegalerie gepasst hätte. Wir mussten sein Bildnis also nach Fotos anfertigen lassen. Die Stilfrage schien uns wichtig, denn eine Bilderwand „funktioniert“ nur, wenn die Bilder einander gleichen. Die Autorin des neuen Porträts ist Bettina Fischer, die sich der Aufgabe mit viel Überlegung annahm. Sie ließ sich von Abt Heinrich erzählen und sah sich verschiedene Fotos an, um ein Gefühl für seine Person zu bekommen.

Als Vorbilder dienten letztlich zwei Fotos, die zu einer neuen Komposition kombiniert wurden. Das eine Foto zeigt Abt Heinrich bei der Segnung des Turnsaals. Das Buch in seinen Händen ist also ein Benediktionale, was uns als Attribut für Abt Heinrich passend schien. Das gleiche gilt für den offenen, appellativen Gesichtsausdruck. Dieser bricht mit der Tradition. Die Äbte der letzten dreihundert Jahre sind in stiller Repräsentation dargestellt. Meist repräsentieren sie nüchtern, in wenigen Fällen auch verhalten hoheitsvoll. Abt Heinrich ist hingegen in einem Akt der  Kommunikation festgehalten. Bei ihm kehrt das erzählende Moment wieder, das die fiktiven Porträts der älteren Äbte kennzeichnet. Der kommunikative Ausdruck passt zu Abt Heinrich ohne Zweifel besser als der still repräsentierende.

Die lateinische Inschrift am unteren Bildrand verfasste unser Archivar Maximilian Trofaier. Sie identifiziert den Dargestellten und nennt die wichtigsten Daten seiner Biographie. Als besondere Leistung wird die Erneuerung von Kirchen genannt. Das kann wörtlich verstanden werden: Abt Heinrich hat die Stiftskirche und andere Kirchen restauriert. Im übertragenen Sinn spricht die Passage von Abt Heinrichs Bemühen um eine Erneuerung der Kirche und des Klosters als Gemeinschaft.

Das Porträt des Abtes Johannes existiert bereits – glücklicherweise, denn die Anfertigung von posthumen Porträts ist meistens schwierig. Nach Abt Johannes ist in der jetzigen Hängung noch für vier Äbte Platz. Danach muss man sich wieder etwas überlegen.

Monastischen Räumen eignet eine eigene Form von Privatheit. Es ist keine bürgerliche Privatheit, sondern eine ältere, religiöse. Wie die bürgerliche bedarf auch diese eines Schutzes. So ist der Kapitelsaal des Schottenstifts für die Öffentlichkeit leider nicht zugänglich. Vielleicht kann der vorliegende Beitrag eine kleine Entschädigung dafür bieten.

P. Augustinus Zeman

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