Anmerkungen zur Gedenktafelenthüllung vor der Direktion des Schottengymnasiums am 9. November 2018,
zur Erinnerung an Dr. Günther Fischer, 1907–1943.

Zwei Gedenktafeln prägten bis zum heutigen Tag die Aula des ersten Stocks des Schottengymnasiums: Einerseits die Gedenktafel an die im Ersten Weltkrieg umgekommenen (ehemaligen) Schüler des Schottengymnasiums, andererseits die Gedenktafel an die im Zweiten Weltkrieg umgekommenen (ehemaligen) Schüler unserer Schule.

Dass auch Kaiser Karl I. auf der Gedenktafel für den Ersten Weltkrieg angeführt ist, zeigt neben einer historischen Unschärfe die Verbundenheit der Herrscherhäuser Österreichs mit dem Schottenstift, den hier wirkenden Mönchen und dem auf Geheiß des Österreichischen Kaisers Franz I. 1807 hier eingerichteten Gymnasium.

Das Ende des Ersten Weltkrieges stellte eine Zäsur nicht nur in der politischen Entwicklung der österreichischen Länder dar, es war auch ein wichtiger Einschnitt im Verhältnis von Kirche und Staat. Dieses Ereignis vor hundert Jahren ist ein Schwerpunkt des historischen Gedenkens im Jahr 2018, zu dem sich mehrere für die Geschichte Österreichs bedeutsame „Achterjahre“ gesellen: 1848, 1918, 1938, 1948 und 1968, um nur die wichtigsten zu nennen.

Mit der Ausrufung der Republik Deutsch-Österreich am 12. 11. 1918 durch die provisorische Nationalversammlung (i.e. die deutschsprachigen Abgeordneten des Reichsrats) wurde das politische System unseres Landes entscheidend geändert. Es dauerte tatsächlich 37 Jahre, bis die neue politische Ordnung mit der Unterzeichnung des Staatsvertrages für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkmächtig wurde. Die daraus resultierende Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik, eine Epoche des Friedens und des Wohlstands, fand ihre Krönung im Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995.

Schwierig hat sich die historische Betrachtung der Zwischenkriegszeit und der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich gestaltet. Viel wurde vergessen, verdrängt oder einfach nicht aufgearbeitet. Die das österreichische politische System nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmenden Parteien knüpften an ihre ideologischen Positionen der Vorkriegsgeschichte an, arbeiteten bei allen Differenzen gemeinsam an der Zukunft, ohne die Verbrechen der unmittelbaren Vergangenheit gewissenhaft untersuchen zu lassen.

Die historische Aufarbeitung der dreißiger und vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ist noch immer nicht abgeschlossen. Das gilt auch für manche historische Fakten am Schottengymnasium während der Zeit des Nationalsozialismus. Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat war ein sehr schwieriges, was die Mönche des Schottenstifts oft persönlich zu spüren bekamen, die Schule wurde von 1938 bis 1945 geschlossen, Klassen des Gymnasiums Wasagasse waren hier einquartiert. Viele Schüler der Schule mit mosaischem Bekenntnis bzw. Schüler mit Vorfahren mosaischen Glaubens waren der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt bzw. konnten rechtzeitig die Flucht ergreifen. Die genaue Faktenlage ist meines Wissens nach nicht erforscht und stellt aus meiner Sicht einen Auftrag dar, dies in naher Zukunft zu tun. Möglicherweise könnte manch Vorwissenschaftliche Arbeit von Schülerinnen und Schülern unserer Schule dazu den entsprechenden Anstoß oder Beitrag liefern.

Jedenfalls gilt mein Dank am heutigen Tag, dem 9. November 2018, Herrn Dr. Wolfgang Fischer und seiner Gemahlin. Seiner Initiative und seiner persönlichen Geschichte ist diese dritte Gedenktafel zu danken: Vor 80 Jahren fanden im nationalsozialistischen Deutschen Reich konzertiert Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung statt und heute durften wir eine Gedenktafel an Dr. Günther Fischer zwischen den beiden Weltkriegsgedenktafeln enthüllen, wo an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert werden soll. Dr. Günther Fischer, ein Schüler des Schottengymnasiums, wurde 1943 von den Nationalsozialisten ermordet, und die Gedenktafel soll nicht nur die Erinnerung an dieses Verbrechen und für alle durch die Nationalsozialisten Ermordeten mahnen, sondern auch als Mahnmal für die Zukunft gelten. Totalitäre politische Systeme und die mit ihnen verbundene Auflösung der Grundrechte nach dem Verständnis moderner Demokratien sind im Ansatz zu bekämpfen. Diesem Mindestmaß an Lernen sind wir den Opfern des Nationalsozialismus verpflichtet.
Die historische Lücke vor meiner Tür ist damit geschlossen.

Ich sehe es als Auftrag an die Lehrerinnen und Lehrer des Schottengymnasium an, den Schülerinnen und Schülern durch die Vermittlung des Wissens über die Vergangenheit den Weg in eine verantwortungsbewusste Zukunft zu weisen. In Zeiten, wo von alternativen Fakten die Rede ist und zweifelhafte politische Gruppierungen Wahlen gewinnen, sind wir Lehrkräfte entsprechend gefordert.

Abt Johannes, Pater Augustinus und den Mönchen des Schottenstifts danke ich für die Ermöglichung dieses Projekts, sowie das Engagement und die Mithilfe bei dessen Realisierung.

Mag. Josef Harold, Direktor des Gymnasiums

>> Bildergalerie.