Willkommen bei den „Schotten“!

Dem Lebensort von Mönchen, die einen Ruf Gottes gehört haben, sich von ihm angesprochen wissen und bereit sind, Christus nachzufolgen. Ihre Ordensregel legt ihnen die Frage vor: „Wer ist der Mensch, der Lust hat am Leben, der Tage sich wünscht, um Gutes zu sehen?“ Ihre Antwort: „Ja, Herr, ich bin es, hier bin ich.“

Zeitgenössische Kunst in der Krypta:
Das Memorial for the people of the cross

Wohl am Beginn des Jahres 2015 wurden 21 koptische Christen auf einem Strand in Libyen von islamistischen Terroristen ermordet. Die Täter veröffentlichten ein Propagandavideo, in dem sie die Hinrichtung der Kopten als „Message to the People of the Cross“ bezeichneten.

Das Denkmal (das Memorial) von Oswald Putzer gedenkt dieser Märtyrer. Die 21 Opfer sind dem Denkmal regelrecht eingeschrieben, denn die Anzahl der verwendeten Buchstaben entspricht der Zahl der getöteten Christen. Die das Kreuz formenden Worte sind zudem ihre Worte: Auf dem Propagandavideo hört man die Gebete, die die 21 sprachen, als sie hingerichtet wurden. Unter anderem waren es die beiden Sätze, die hier das Kreuz formen. Die Worte und die 21 Buchstaben repräsentieren also die Märtyrer. Es ist Repräsentanz im vollen Sinn des Wortes: Die Schrift vergegenwärtigt die ermordeten Kopten.

Die Terroristen adressierten das Propagandavideo „to the People of the Cross“. Die „Menschen des Kreuzes“ sind wir. An uns wandten sich die Terroristen, und an uns wendet sich das Denkmal.

Welchen Hintergrund haben die beiden Gebetssätze „Jesus mein Herr“ und „O mein Gott“? Es sind regelrechte Gebetskondensate. Beide Sätze haben Bekenntnischarakter. Als Bekenntnisformeln sind sie mit den ältesten, im Neuen Testament überlieferten Glaubensbekenntnissen verwandt. „Jesus mein Herr“ erinnert an das Bekenntnis des Apostels Thomas am Ende des Johannesevangeliums. Thomas, der bei einer ersten Erscheinung des Auferstandenen im Jüngerkreis gefehlt hat, ist bei einer zweiten Begegnung zugegen. Jesus zeigt ihm seine Wundmale und überzeugt ihn, dass er es wirklich ist. Thomas antwortet mit dem stärksten Christusbekenntnis des Johannesevangeliums, ja vielleicht des ganzen Neuen Testaments: Mein Herr und mein Gott. Dazu bekannten sich auch die 21 Kopten. Sie sind in diesem Augenblick wohl selbst dem Auferstandenen begegnet.

Auch die Worte „O mein Gott“ können als Teil des Thomasbekenntnisses verstanden werden. Zudem klingen hier die Worte an, die Jesu am Kreuz gesprochen hat: „Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“ Es ist der Anfang von Psalm 22. Die Kopten identifizierten sich in ihrer Hinrichtung mit dem am Kreuz sterbenden Jesus. Sie vollzogen seine Nachfolge in der denkbar ernstesten Form. Das Thema der Identifikation wird uns noch beschäftigen.

Oswald Putzer gab dem Memorial die Form eines rechteckigen, mäßig tiefen Blockes. Der Block sitzt am Boden wie ein Grabstein auf der Erde. Blockform und Aufstellung sind bewusst gewählt. Es ist ein Grabstein für die 21 ermordeten Christen. Dieser Gedanke wird durch den Ort der Aufstellung verstärkt. Die Krypta der Schottenkirche ist ein alter, hunderte, wenn nicht tausende Menschen beherbergender Begräbnisplatz. Das Denkmal für die ermordeten Kopten ist also Teil eines Umfelds, in dem die christliche Haltung zum Tod mit Händen greifbar ist. Da ist auf der einen Seite schonungsloser Realismus: Der Tod ist unausweichlich. Das mag die von der Zeit zerfressene Wand hinter dem Denkmal ausdrücken. Da ist aber auch etwas Klares, das mit Licht zu tun hat. Dies ist ausgedrückt in der Sprachskulptur. Die einen sagen, jenes Licht sei eine Illusion, eine bloße Spiegelung menschlicher Sehnsucht. Die anderen nennen es Hoffnung. Wer hat Recht? Keiner kann seinen Standpunkt beweisen. Darin besteht eine grundsätzliche Solidarität unter den Menschen.

Die Krypta befindet sich unterhalb der Schottenkirche. Auch das ist für das Denkmal relevant. Das Martyrium der 21 Kopten war kein bloß politisches Ereignis; es hatte vielmehr eine kirchliche Dimension. Als Teil des Leibes Christi starben die Opfer innerhalb der Kirche. Ihrer soll auch in einer Kirche gedacht werden.

Die kirchliche Dimension macht das Martyrium der anderen zu einem Teil unserer eigenen Geschichte. Wer getauft ist, ist ja ein Teil der Kirche. Wie sich die ermordeten Kopten mit Christus und mit dessen Hingabe am Kreuz identifizierten, so tun auch wir es. Aber was heißt „Identifikation mit Christus“? Identifikation hat in diesem Fall den Charakter wenn nicht eines Tausches, so einer Angleichung von Identität. Ich versuche, das mit Metaphern zu umschreiben. Es ist, wie wenn ein Text auf einen geschrieben wird. Der Christ trägt die Signatur, das Siegel Christi. Er ist Schriftträger. Der Schriftgebrauch von Oswald Putzer mag auch in diesem Sinn verstanden werden.

Noch eine Metapher für Identifikation und Angleichung: Angleichung an Christus ist eine Mimesis – also Abbildung und Darstellung. Das Denkmal für die 21 Kopten kann so verstanden werden. Die Spiegelung bildet den Betrachter ab und nimmt ihn hinein in die Erzählung des Kreuzes. Der Betrachter wird reflektiert, um seine eigene Nachfolge, sein Bekenntnis und seinen Standpunkt zu reflektieren. Er und das Kreuz haben miteiandern zu tun.

Die Grundsubstanz des Denkmals sind Schriftzeichen. Die 21 Kopten sind durch Buchstaben symbolisiert. Für sich genommen sind Buchstaben abstrakte Zeichen. Hier bildet ihre Gesamtheit aber ein lapidares Bild, nämlich ein Kreuz. Abstrakte Zeichen reihen sich zur Darstellung, ja zur Grundform einer Gestalt. Was bedeutet das? Ich sehe auch hierin ein metaphorisches Potential. Die zur Gestalt gereihten Zeichen können als Metapher für Schöpfung und Inkarnation verstanden werden. Das Wort, das vor den Zeiten war, wird in der Schöpfung abgebildet. In Jesus von Nazareth wird es gar Gestalt. Das Wort, das an uns ergeht, soll in unserem Leben Gestalt annehmen. Bei all dem ist der springende Punkt: Was zunächst abstrakt ist, wird Form; wird eine Gestalt, ein Fleisch. Ich weiß nicht, ob ich den Künstler überinterpretiere, aber für mich ist das Buchstabenkreuz von Oswald Putzer eine Metapher für das Geheimnis von Gott und Mensch oder von Geist und Materie oder von Abstraktion und Konkretion.

Haben derlei luxuriöse Gedanken angesichts eines Martyriums etwas Frivoles? Alles zu seiner Zeit und an seinem Ort. Das Martyrium der 21 Kopten hatte seine Stunde, und wir haben die unsere. Nachfolge Christi heißt, die Botschaft Christi im eigenen Leben zu spiegeln und Teil jener großen Schrift zu werden, die entgegen allem Wahnsinn und aller Zerstörung und am Schluss sogar gegen den Tod die Macht hat zu sagen: Ich bin.

P. Augustinus Zeman

 

 

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