Willkommen bei den „Schotten“!

Dem Lebensort von Mönchen, die einen Ruf Gottes gehört haben, sich von ihm angesprochen wissen und bereit sind, Christus nachzufolgen. Ihre Ordensregel legt ihnen die Frage vor: „Wer ist der Mensch, der Lust hat am Leben, der Tage sich wünscht, um Gutes zu sehen?“ Ihre Antwort: „Ja, Herr, ich bin es, hier bin ich.“

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Die Mariensäule im Stiftsgarten

Die Mariensäule im Garten des Schottenstiftes stand ursprünglich auf dem Glacis vor dem äußeren Burgtor. Sie wurde dort 1825 als Grenzsäule des sogenannten Neudegger Lehens errichtet. Das Neudegger Lehen umfasste Besitzungen im Bereich St. Ulrich, Spittelberg und Schottenfeld und war 1694 vom Schottenstift erworben worden. Vor der Zweiten Wiener Türkenbelagerung war die Grenze des Lehens zur Stadt hin durch ein Steinmal markiert gewesen, das 1694 aber nicht mehr existierte. Im Jahre 1716 wurde unter dem Schottenabt Carl Fetzer an derselben Stelle wieder eine Grenzsäule errichtet. Schon diese barocke Säule hatte eine Marienstatue als Bekrönung.

Als 1821-1824 das jetzige Äußere Burgtor gebaut wurde, zog man auch die zum Tor hinführenden Alleen am Glacis neu. Die Änderung hatte zur Folge, dass die Madonna auf der alten Säule der neuen Allee den Rücken zukehrte. Man nahm dies zum Anlass ein neues Grenzzeichen zu errichten. Den Entwurf des Pfeilers lieferte Pietro Nobile – jener Architekt, auf den auch die Gestaltung des Burgtores zurückgeht. Das Modell der Marienstatue stammte von Johann Nepomuk Schaller, einem Wiener Bildhauer, der angeregt durch persönliche Kontakte mit Malern aus dem Kreis der Nazarener versucht hat, nazarenisches Figurenideal in Skulptur zu übersetzen. Schallers Biographin, Selma Krasa-Florian, hält die Schottenmadonna für eines seiner besten Werke. Ein vielleicht bekannteres Werk des Künstlers ist der Margarethenbrunnen auf dem Margarethenplatz im 5. Wiener Gemeindebezirk.

Die Grenzsäule des Neudegger Lehens stand bis 1868 auf dem Glacis. In diesem Jahr musste sie abgebaut werden, da das Glacis im Zuge der Stadterweiterung neu geordnet und bebaut wurde. Die Schotten nahmen ihre Säule zu sich in den Garten, wodurch aus dem öffentlichen Denkmal ein privates wurde.

Die Madonna: Von hellenischer Schönheit
Pietro Nobile entwarf die Säule in der antiken Formensprache des Klassizismus. Über einem würfelförmigen Sockel erhebt sich ein sich leicht verjüngender Pfeiler, der oben durch ein Blattfries abgeschlossen wird. Auf dem Pfeiler steht eine Statue der Gottesmutter mit dem Kind. Die Madonna ist eine klassisch-ruhige Figur: Der Faltenwurf ist differenziert, aber ohne jede Dramatik. Das Gesicht der Madonna ist von hellenischer Schönheit. Besondere Sorgfalt ist der Frisur gewidmet, die die biedermeierliche Entstehungszeit allerdings nicht ganz verleugnen kann. Einen Verstoß gegen die formalen Regeln des Klassizismus bedeutete ohne Zweifel die barocke Spangenkrone. Das Kind ist rundlich, aufrecht sitzend und segnend.

An den Wänden des Pfeilers sind wichtige Symbole und Inschriften angebracht. Die Zeichen auf der Vorder- und Rückseite stammen von 1825. Aus den in klassischen Lettern gesetzten Inschriften geht hervor, wer die Säule anfertigen ließ (Abt Andreas Wenzel von den Schotten), wann (1825) und zu wessen Ehren (des Kaisers Franz von Österreich). Kaiser- und Abtwappen drücken das gleiche in der Sprache der Heraldik aus. Die Flächen oberhalb der Schriftfelder sind jeweils mit einem Rosenkranz verziert. Rosen, nicht Lorbeer, wie man auf den ersten Blick meinen könnte: Lorbeer den Helden und den Toten, Rosen der Frau und Mutter.
Die Inschrift-Tafeln auf den Seitenwänden des Pfeilers wurden 1868 anlässlich der Übertragung in den Garten hinzugefügt. Sie nennen den Grund der Übertragung, den Abt, der sie beauftragt hatte (Othmar Helferstorfer), sowie eine Widmung an Maria als Patronin des Klosters.

Säule aus Eisenguss
Die beiden nachträglich angefertigten Tafeln bestehen aus Zink, während die Säule selbst in Eisenguss hergestellt wurde. Beide Materialien waren auf der Höhe ihrer Zeit: Zink war ein beliebter Werkstoff des Historismus und Gusseisen eine im Biedermeier geradezu modische Technik. Der entscheidende Faktor für die Verbesserung des Eisengusses war die Entwicklung neuer Öfen, mit denen höhere Temperaturen erzeugt werden konnten. Die Schottensäule wurde in der altgräflich Salmschen Gießerei in Blansko (Mähren) gegossen, die bis Ende des 19. Jahrhunderts einen ausgezeichneten Ruf hatte.

Das 19. Jahrhundert hatte eine Schwäche für neue Techniken. Technikbegeisterung sowie die relativ niedrigen Materialkosten waren wohl die Gründe, weshalb man sich im Fall der Neudegger Säule für Gusseisen entschieden hat. Die neue Technik traf hier allerdings auf eine traditionelle Aufgabe und das hat anscheinend Spuren hinterlassen. Es gibt ja so etwas wie eine Beharrungstendenz der Rezeption, die es einzelnen Techniken und Materialien immer wieder erschwert hat, in neue Aufgabengebiete vorzudringen. Man muss sich vor Augen halten, dass Eisen in den (grob gesagt) 3.000 Jahren vor der Erfindung neuer Hochöfen ein zwar äußerst nützlicher und auch ästhetisch reizvoller, aber keineswegs edler Werkstoff war. Andererseits war eine Großstatue aus Metall zu keiner Zeit eine Kleinigkeit. In ihr äußerten sich seit jeher zivilisatorische, ikonologische und künstlerische Ansprüche. Das klassische Material zur Umsetzung dieser Ansprüche war Bronze. Ich frage mich, ob es die Menschen nicht irritiert hat, als es Anfang des 19. Jahrhunderts möglich war, lebensgroße Figuren in Eisen zu gießen. Eine eiserne Madonna war – so meine These – im Grunde eine Brutalität.

Man scheint auf die Spannung zwischen Material und Anspruch bei unserer Madonna reagiert zu haben. Die Madonna ist heute wie zur Entstehungszeit wieder schwarz gestrichen. Könnte dieser Anstrich nicht den Versuch darstellen, die Oberflächenwirkung einer dunkel patinierten Bronze zu imitieren oder – vielleicht eher – zu zitieren? Eine bronzene Madonna, die Insignien golden: das entsprach Wahrnehmungskategorien, die seit der Antike gegolten haben.

Umfangreiche Restaurierung notwendig
Wir sind unversehens in die Problematik der aktuellen Restaurierung geraten. Die Farbgebung erfolgte nach Befund, somit entspricht die Farbigkeit wieder jener der Entstehungszeit. Tatsächlich wurde die Madonna in der alten Literatur immer als „schwarze Madonna“ bezeichnet. Erst Abt Hermann Peichl (1930-66) ließ sie vergolden, was ja letztlich ebenfalls den Versuch darstellte, die Figur materialästhetisch zu „heben“. Die klassizistische Ästhetik tat das eben nicht durch Vergoldung, sondern durch einen Hinweis auf das Material „Bronze“.

Das ursprüngliche Farbkonzept für die ganze Säule ist einfach: der Pfeiler hellgrau, die Figuren schwarz, Insignien, Wappen und Inschriften golden. Grau in allen seinen Schattierungen war eine Leitfarbe des Klassizismus. Die Kombination mit Gold, wie auf unserer Säule, ist nobel. Ähnliche Zusammenstellungen waren im frühen 19. Jahrhundert beliebt. Ästhetisch verwandt ist etwa das zeitlos gewordene Weiß-Gold des Porzellans. Es geht in jedem Fall um Verzicht auf Buntheit und um das gesucht Einfache. Salonausstattung, selbst im Garten.

Anlass für die aktuelle Restaurierung waren freilich nicht farbästhetische Überlegungen, sondern restauratorische Notwendigkeiten. Die Säule zeigte an ihrer Oberfläche zahlreiche Rostschäden. Das eigentliche Problem lag aber tiefer. Der Pfeiler ist aus Eisenplatten zusammengesetzt. Die Fugen, an denen die Platten zusammenstoßen, waren ursprünglich mit einem ölhaltigen Kitt geschlossen. Dieser Kitt war längst abgebaut, sodass wahrscheinlich seit Jahrzehnten Regenwasser ins Innere des Pfeilers eingedrungen ist. Die Folge war, dass die Eisenplatten auch auf der Innenseite verrostet sind.

Zudem war durch die dauernde Feuchtigkeit der Ziegelkern des Pfeilers stark angegriffen. An einigen Stellen waren die Ziegel nur mehr ein feuchter Brei. Der Schaden ging bis ins Fundament: Im Erdreich waren die Ziegel so stark abgebaut, dass sich das Fundament bereits gesetzt hatte. Man konnte das auch äußerlich sehen: Die Säule steht auf einem Sockel aus Sandsteinquadern. Da sich das Fundament praktisch in Auflösung befunden hat, hatten auch die Steine keinen sicheren Grund mehr, sodass sie nach innen kippten und aus den Fugen gerieten.

Wegen dieser tiefgehenden Schäden musste die Säule vollständig abgebaut werden. Der Ziegelkern wurde abgebrochen, das Fundament ausgehoben. Das neue Fundament besteht aus Stahlbeton. Die Aufmauerung im Inneren des Pfeilers wurde in Klinkerziegeln ausgeführt. Doppelt gebrannter Klinker ist ein Material, das nicht dazu neigt, Wasser aufzusaugen, womit die Gefahr eines feuchten Milieus im Inneren des Pfeilers reduziert ist. Alle Eisenteile wurden innen und außen von Rost befreit und in einem Vierfach-Anstrich auf Leinölbasis neu gestrichen.

Leinöl war bis ins 20. Jahrhundert das gebräuchliche Bindemittel für die Anstriche von Holz und Metall. Es hat hervorragende Eigenschaften: Durch seine Dünnflüssigkeit dringt es auch in kleinste Poren und passt sich gleichzeitig den Formen an. Es reagiert elastisch auf Veränderungen der Temperatur. Schließlich hat es eine wunderbare ästhetische Wirkung: Es erzeugt einen matten Glanz, der an Marmor oder menschliche Haut erinnert. Kein modernes Farbsystem kommt an diese Oberflächenwirkung heran. Leinöl hat allerdings auch einen Nachteil: Es wird unter der Einwirkung der natürlich vorhandenen UV-Strahlen abgebaut. Objekte, die im Freien stehen und mit Leinölfarbe gestrichen wurden, müssen deshalb relativ häufig gewartet werden.

Die Mariensäule ist normalerweise leider nicht zugänglich, denn der Garten, in dem sie steht, ist Teil der klösterlichen Klausur. Nur an bestimmten Festtagen führt eine liturgische Prozession auch zur Mariensäule.
Die Mönche hoffen aber, durch diesen Bericht Anteil an diesem interessanten Werk der Wiener Kunst- und Kulturgeschichte geben zu können.

P. Augustinus Zeman OSB

Literatur: F. X. Motloch, Die Marksäule vor dem Burgthore in Wien und die Neudegger-Lehen, in: Berichte und Mittheilungen des Alterthums-Vereines zu Wien, III, 1859, S. 118-125. – Selma Krasa-Florian, Johann Nepomuk Schaller (1777-1842). Ein Wiener Bildhauer aus dem Freundeskreis der Nazarener, Wien 1977.

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