Willkommen bei den „Schotten“!

Dem Lebensort von Mönchen, die einen Ruf Gottes gehört haben, sich von ihm angesprochen wissen und bereit sind, Christus nachzufolgen. Ihre Ordensregel legt ihnen die Frage vor: „Wer ist der Mensch, der Lust hat am Leben, der Tage sich wünscht, um Gutes zu sehen?“ Ihre Antwort: „Ja, Herr, ich bin es, hier bin ich.“

Die Kasel des Klosterfrauenornats

Die starke Wirkung des Klosterfrauen-Ornats täuscht vielleicht darüber hinweg, dass Material und Technik vergleichsweise einfach sind. Die bunten Applikationen sind aus Flecken zusammengesetzt, die man wahrscheinlich aus Reststoffen ausgeschnitten hat. Es handelt sich also um einen Fall von Recycling, der als eigene kreative Leistung zu würdigen ist. Erstens, weil Funktion und Pragmatik Hand in Hand gehen. Ein Messgewand in einer großen Kirche muss auf große Distanz wirken. Die Applikationen am Klosterfrauen-Ornat werden dem vollkommen gerecht. Die Stoffreste waren zudem billig und einfach zu besorgen.

Zweitens ist der Fall – wenn ich so sagen darf – liebenswert, weil er einen eigenen Sitz im Leben hat. Arbeiten aus Patchwork wurden für gewöhnlich nicht von professionellen Stickern, sondern von Laien hergestellt. Dies war auch bei unserem Ornat der Fall. Das Inventar von 1738 gibt darüber Auskunft: „ein weisser von Moir [=Moiré] mit kostbaren Fleckhlen eingelegter und goldenen Schnierelein [Schnürlein] umbfaster Ornat welcher von denen Klosterfrauen von Frauen Alb verfertiget worden und von darumben [=deshalb] der Klosterfrauen Ornat benambset wird.“

Mit „Frauen Alb“ dürfte das Benediktinerinnenkloster Frauenalb in Baden-Württemberg gemeint sein. Der Ornat entstand also nicht in einer professionellen Werkstatt, sondern in einem Kloster. Er ist das Produkt einer letztlich häuslichen Textilkultur. Wie er von Frauenalb nach Wien gekommen ist, entzieht sich unserem Wissen. Sicher ist nur, dass er im Auftrag des Wiener Klosters, genauer des Abtes Karl Fetzer entstanden ist. Abt Karls Wappen ist nämlich an mehreren Stellen des Ornats angebracht (auf der Kasel am Rückenteil unten). Abt Karl leitete das Kloster von 1705 bis 1750. Da der Ornat 1738 inventarisiert wurde, kann seine Datierung auf die Zeit zwischen 1705 und 1738 eingegrenzt werden.

Im Inventar von 1884 wird der Ornat auch der „gefleckelte“ genannt. Aus jüngerer Zeit ist auch die Bezeichnung „Flinserlornat“ bezeugt. „Flinserln“ (Wienerisch) meint die Pailletten, die in großer Zahl den Grundstoff des Ornats bedecken. Ältere Mitbrüder berichten, dass der Flinserlornat an den Sonntagen nach Erscheinung des Herrn getragen wurde. Im Fasching also!

Ein Zusatz im Inventar von 1884 vermerkt, dass der Ornat 1896 restauriert wurde. Anscheinend wurden damals die Applikationen auf neue Trägerstoffe übertragen. Bei solchen Übertragungen werden die Applikationen dicker, weil der originale Trägerstoff mitausgeschnitten wird. Sie werden auch plumper, weil um die Konturen neue Einfassungen gelegt werden. Ursprünglich dürften die Applikationen also duftiger gewirkt haben. In seiner häuslichen Technik wird der Ornat recht charmant gewesen sein. Sein Charme ist durch die Restaurierung von 1896 beeinträchtigt, aber immer noch spürbar.

Ein Wort noch zu den Motiven. Die Applikationen zeigen Blumen und Blätter sowie verschiedene Vögel. Sowohl die Pflanzen als auch die Vögel stammen aus der Motivik des Paradieses. Ihre Verwendung auf einem Messgewand hat einen symbolischen Sinn: Im Gottesdienst betritt der Mensch einen Raum des Segens. Er kehrt ins Paradies zurück.

P. Augustinus Zeman

Nachtrag: Die Kunsthistorikerin Stefanie Mayer machte mich darauf aufmerksam, dass die Äbtissin von Frauenalb, Gertrudis von Ichtrazheim, im Jahr 1715 in Wien beim Reichshofrath in Sachen Reichsunmittelbarkeit vorstellig wurde. Gut möglich, dass damals der Kontakt zum Schottenstift geknüpft wurde.

 

 

 

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