Willkommen bei den „Schotten“!

Dem Lebensort von Mönchen, die einen Ruf Gottes gehört haben, sich von ihm angesprochen wissen und bereit sind, Christus nachzufolgen. Ihre Ordensregel legt ihnen die Frage vor: „Wer ist der Mensch, der Lust hat am Leben, der Tage sich wünscht, um Gutes zu sehen?“ Ihre Antwort: „Ja, Herr, ich bin es, hier bin ich.“

Die Särge des Grafen Starhemberg. Ein Zwischenbericht der aktuellen Restaurierung

Ernst Rüdiger von Starhemberg wollte nach Aussage seines Testaments in der Schottenkirche „zur Erden“ bestattet werden. Die Formulierung meint wohl ein Begräbnis im Boden der Krypta. Nach seinem Tod am 4. Juni 1701 entschied sich die Familie aber gegen ein Erdbegräbnis. Der Graf wurde in einem Metallsarg bestattet, der dazu bestimmt war, in der Krypta sichtbar aufgestellt zu werden.

Dieser Metallsarg und sein Umfeld werden seit November 2019 restauriert. Im Zuge dieser Arbeiten wurde der Sarg geöffnet. Darüber möchte ich im Folgenden berichten.

Die Ränder des Deckels des Metallsarges waren gebördelt – das heißt um die Zarge des Sargs herumgeschlagen. Die Bördelung ließ sich ohne Beschädigung öffnen. Nach Abheben des Deckels kam ein Holzsarg zum Vorschein, der mit relativ wenig Spielraum im Metallsarg stand. Wir hoben ihn heraus, damit die Innenseiten des Metallsargs restauriert werden kann.

Der (wie sich später herausstellte: äußere) Holzsarg besteht aus massiven Brettern aus Nussholz. Seine Außenseiten sind mit Temperamalerei geschmückt. Malweise und Formensprache lassen keinen Zweifel daran, dass es sich um barocke Malerei handelt. Am Fußende des Deckels ist eine weiße Fläche dargestellt. An die Fläche schließt ein Kreuz an, das bis zum Kopfende des Sarges reicht. Die weiße Fläche meint einen Grabhügel respektive Golgota. Der Hügel mit dem Kreuz ohne Corpus ist ein in die Antike zurückreichendes Motiv, das sich durch die Jahrhunderte im sepulkralen Bereich gehalten hat. Es bringt den Triumph Christi und die Hoffnung auf Auferstehung zum Ausdruck.

Zu beiden Seiten des Kreuzes sind in regelmäßigen Abständen Totenköpfe und Tulpen dargestellt. Die Motive symbolisieren den größtmöglichen Widerspruch: Existenz und Nichtexistenz, Leben und Tod. Die Blumen stehen für den Paradiesesgarten, das heißt für das Leben, das der Christ im Tod zu gewinnen hofft.

Der Deckel war zugenagelt. Es war leicht, die Nägel zu lösen, denn die meisten von ihnen waren durchgerostet. Zum Vorschein kam ein zweiter Sarg, wiederum eng im vorigen stehend. Dieser zweite Sarg besteht aus Nadelholz und ist ungeschmückt. Es war nicht nötig, ihn herauszuheben. Der Deckel ließ sich nach Lösung einiger Nägel heben.

Die sterblichen Überreste des Grafen Starhemberg sind bedeckt mit einer Schicht aus Blättern, anderen pflanzlichen Überresten und Textilien. Unter den Blättern ist viel Lorbeer. Auch Palmwedel finden sich. Beide wurden dem Feldherren sicher als Siegeszeichen in den Sarg gelegt. Es stellt sich allerdings die Frage, wann das geschah. Unsere Archivarin Larissa Rasinger plädiert dafür, dass die Beigaben nicht bei der Beisetzung in den Sarg gelegt wurden, sondern später. Wahrscheinlich hat sie Recht. Die Pflanzen und Stoffe scheinen vom Verwesungsprozess des Leichnams nicht angegriffen worden zu sein, obwohl sie teilweise direkt auf den Gebeinen liegen. Unter den Textilien sind Schleifen, deren Farbe und Struktur nicht den Eindruck erwecken, als stammten sie aus der Zeit um 1700. Wahrscheinlich hat man die Kränze und Gebinde bei einer späteren Öffnung des Sargs hineingelegt. Es dürfte sich um eine Heldenehrung gehandelt haben. Dazu würden Lorbeer und Palmwedel motivisch passen. Als Anlass wäre die zweihundertste Wiederkehr des Todestages im Jahre 1901 denkbar. Einen schriftlichen Beleg dafür haben wir allerdings noch nicht gefunden.

Der Körper des Toten ist, soweit man ihn sieht, fast vollständig skelettiert. Vom Cranium sieht man nur die Stirn; der Rest ist von Blättern und Textilien bedeckt. Sichtbar sind auch die Wirbelsäule, die beiden Knochen der Unterarme sowie die Beine von den Knien abwärts. Die Beinknochen und die Wirbelsäule sind bräunlich-schwarz verfärbt; der Schädel und die Unterarme hingegen nicht. Die Füße stecken in barocken Schuhen mit hohen Absätzen. Das sind die einzigen Kleidungsstücke, von denen man mit Sicherheit sagen kann, dass in ihnen der Tote bestattet wurde.

Ich habe nicht den Eindruck, dass der Tote einmal umgebettet wurde. Er liegt auf einer Schicht aus groben Holzspänen. Dies entspricht der historischen Praxis. Die Späne waren ein Puffer für den Sarg. Sie nahmen die während des Verwesungsprozesses austretende Flüssigkeit auf, die auf diese Weise den Boden des Sargs nicht oder nur vermindert erreichte. Bei einer Umbettung hätte man wohl auf die Späne verzichtet, weil dann der Leichnam schon dehydriert gewesen wäre. – Ein zweites Argument: Die Wirbelsäule lieg ungestört Wirbel an Wirbel. Ob das nach einer Umbettung noch der Fall wäre, wage ich zu bezweifeln.

Wir haben das Skelett und die Beigaben nicht angerührt. Die Anwesenden haben einen Psalm gesungen und für den Toten, für seine Familie, für unser Kloster und für ein friedliches Zusammenleben der Menschen gebetet. Danach wurde der Sarg gesegnet und wieder verschlossen.

P. Augustinus Zeman

Fotos: 1-4 Schottenstift, Maximilian Trofaier. – 5 Schottenstift, Larissa Rasinger.

Kontakt

Tel.: +43 1 534 98
Fax: +43 1 534 98 105
E-Mail: schotten@schottenstift.at

Adresse

Schottenstift
Benediktinerabtei
„Unserer Lieben Frau zu den Schotten“
Freyung 6, 1010 Wien

Schottenstift