Willkommen bei den „Schotten“!

Dem Lebensort von Mönchen, die einen Ruf Gottes gehört haben, sich von ihm angesprochen wissen und bereit sind, Christus nachzufolgen. Ihre Ordensregel legt ihnen die Frage vor: „Wer ist der Mensch, der Lust hat am Leben, der Tage sich wünscht, um Gutes zu sehen?“ Ihre Antwort: „Ja, Herr, ich bin es, hier bin ich.“

Das Pluviale des Benediktusornates

Der Fachbegriff Ornat bezeichnet ein zusammenhängendes Ensemble liturgischer Paramente, bestehend aus Kasel, Dalmatik, Pluviale und Zubehör (Stola, Manipel, Velum und Bursa). Von den Ornaten in der Paramentenkammer des Schottenstifts ist der Benediktusornat vielleicht der schönste. Der Name ließe erwarten, dass dieser Ornat Darstellungen des hl. Benedikt aufweist. Dem ist aber nicht so: Der theologisch besonders interessante Schmuck des Benediktusornates besteht vielmehr aus Szenen aus dem Alten Testament bzw. aus christologischen Bildern. Wahrscheinlich erhielt der Ornat seinen Namen von einer früheren Verwendung an den beiden Festtagen des hl. Benedikt (21. März und 11. Juli).

Der Benediktusornat ist ein Glücksfall, da wir aus schriftlichen Quellen über seine Entstehung einigermaßen Bescheid wissen. Das Stiftsarchiv verwahrt Quittungen aus den Jahren 1725 bis 1730, die uns die Namen der Herstellerinnen dieses textilen Kunstwerks überliefern: Maria Barbara Kayserin, Witwe nach einem bürgerlichen Bildhauer, und Maria Barbara Schwaigerin, Ehefrau eines kaiserlichen „ambts Prothocollisten“. Jede von ihnen erhielt für die Arbeit am „Benedicti Ornat“ pro Jahr ein „Solacium“ von zweihundert Gulden.

Interessanterweise scheinen die beiden Frauen ihre Tätigkeit nicht professionell ausgeübt zu haben, sonst wären sie in den Quellen als „bürgerliche Naderinnen“ (Näherinnen) genannt. Maria Barbara Kayser und Maria Barbara Schwaiger scheinen Laien der Stickkunst gewesen zu sein. Laien stellten für die berufsmäßigen Sticker eine gewisse Konkurrenz dar, wie ein Fall des Jahres 1725 belegt, in dem ein Berufssticker zu verhindern suchte, dass zwei nicht handwerksmäßig ausgebildete Frauen einen Auftrag des Abtes von Gaming erhielten.

Der Hintergrund solcher Agitationen war, dass es bei den großen Paramentenaufträgen um sehr viel Geld ging. Ein vollständig bestickter Ornat kostete wahrhaft ein Vermögen, was nicht nur dem enormen Zeitaufwand geschuldet war (an einem aufwendigen Ornat war ein Sticker etwa fünf Jahre beschäftigt), sondern auch den hohen Materialkosten für die Gold- und Silberfäden. Im Arbeitslohn waren die Laien einfach billiger als Professionisten! Dazu ein Vergleich: Maria Barbara Kayser und Maria Barbara Schwaiger erhielten je einen Jahreslohn von zweihundert Gulden; Berufssticker verlangten das Doppelte. In der Summe kam ein reich bestickter Ornat bei einem Professionisten auf etwa zweitausend Gulden. Als Relation dazu: Eine Kuh kostete Anfang des 18. Jahrhunderts acht bis vierzehn Gulden. (Im Fall des Benediktusornats läßt sich über die Höhe des Gesamtlohns keine Aussage machen, da wahrscheinlich nur ein Teil der Rechnungsbelege erhalten ist.)

Die Kunst der Stickerei war übrigens keineswegs – wie man vielleicht glauben möchte – eine Domäne der Frauen. Zwar galt das Sticken als standesgemäße Beschäftigung für Frauen des gehobenen Bürgertums und des Adels, doch waren diese Arbeiten vom technischen Standpunkt aus eher einfach. Aufwendigere Sticktechniken lagen in den Händen von Professionisten, und die waren auch noch im 18. Jahrhundert überwiegend Männer. Eine der Techniken, die praktisch nur von Professionisten ausgeführt wurden, war die sog. Sprengtechnik, bei der durch Übersticken von Auflagen aus Leder oder Karton ein plastisches Oberflächenrelief erzielt wurde. Bezeichnenderweise wurde diese Technik beim Benediktusornat nicht angewandt. Die beiden Techniken des Benediktusornats sind Petitpointstickerei (bei allen Bildfeldern, bei den Blumen und Ornamenten) sowie Anlegetechnik (beim goldenen Grund). Beides waren Techniken, die auch von routinierten Laien ausgeführt werden konnten.

Anlass für die jetzige Restaurierung war der Umstand, dass einige Stücke des Benediktusornats mit einem Futterstoff versehen waren, der die Tendenz zeigte abzufärben. Ein Faktor für solche Phänomene ist hohe Luftfeuchtigkeit, die in der Paramentenkammer leider ein chronisches Problem darstellt. Der farblich instabile Futterstoff stammte aus dem 20. Jahrhundert. Er war im übrigen auch nicht besonders schön.

Die jetzige Restaurierung lag in den Händen von Frau Hilde Neugebauer. Glücklicherweise sind beim Auftrennen des bestehenden Futters Reste des originalen Futters zu Tage gekommen. Deren Farbe war eine kleine Sensation: Das barocke Futter zeigte ein lebhaftes, zum Orange tendierendes Rosa. Für den neuen Stoff wurde ein weißer Seidensatin gekauft, der von einer Spezialfirma auf den Farbton des barocken Futters eingefärbt wurde. Der Verfasser dieser Zeilen kann bezeugen, wie gut die Färbung gelungen ist: Der barocke Farbton ist praktisch punktgenau getroffen!

Für dieses Mal ist das Futter nur in einem Pluviale ausgetauscht worden. Da aber die Stücke eines Ornats einheitlich gefüttert sein sollen und da weiters bei Färbungen jede Charge einen etwas anderen Farbton aufweist, wurde der Stoff bereits für alle Stücke des Ornats gekauft und eingefärbt. In den nächsten Jahren sollen die alten Futterstoffe sukzessive durch den neuen Stoff ersetzt werden. Die Stücke werden dabei auch durch Absaugen gereinigt und auf lose Fäden kontrolliert.

Das dieses Mal restaurierte Pluviale ist zwei Mal jährlich im liturgischen „Einsatz“: bei der Zweiten Vesper von Weihnachten (also am 25. Dezember, 18 Uhr) und bei der Vesper am Ostersonntag. Wer diese Gottesdienste mit uns feiern und dabei die authentische Verwendung eines barocken Pluviales erleben will, sei herzlich dazu eingeladen!

P. Augustinus Zeman

 

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